Dmitri Schostakovitsch: Trio in E-Moll

Im folgenden einige Wort über das Trio Nr.2 (op.67) in E-Moll Dmitri Schostakowitschs, welches ich zusammen mit der Violinistin Cosima Bodien und der Cellistin Isabel Gehweiler im April 2020 aufnahm. Der Text stammt aus einer Arbeit, den ich im Rahmen meines Studiums zum diesem Trio verfasste.

Entstehungsgeschichte

Das Klaviertrio in E-Moll Opus 67 ist Dmitri Schostakowitschs zweites Klaviertrio und entstand im Jahr 1944. Es ist seinem Freund Ivan Sollertinksi gewidmet. Sollertinksi, ein Musikwissenschaftler, gehörte zum engsten Freundeskreis des Komponisten. Er verfügte über außerordentliche geistige Begabungen, sprach fließend über 20 Sprachen, unter anderem Altpersisch und Sanskrit – Er führte sein Tagebuch in Altportugiesisch, sodass niemand, außer ihm, es lesen konnte – und inspirierte den Komponisten auf vielen Ebenen, seit ihrem näheren Kennenlernen in Schostakowitschs frühen Zwanzigern. So erweckte Sollertinksi, zum Beispiel in Schostakowitsch die Faszination und Liebe für die Musik Gustav Mahlers.

Sollertinksis sehr überraschender Tod, durch einen Herzanfall, im Jahr 1944, traf Schostakowitsch sehr schwer. In einem Brief an Sollertinskis Frau schrieb der Komponist rückblickend:

„(…) Wir fürchteten beide den Tod und wünschen ihn nicht. Wir liebten das Leben. Dennoch wussten wir, dass wir uns früher oder später vom Leben werden trennen müssen. Iwan Iwanowitsch verließ uns schrecklich früh. Der Tod riss ihn mitten aus dem Leben heraus. Er starb, und ich blieb zurück. (…)“

Ich finde diese Zeilen bezeichnend, denn sie drücken eben Schostakowitsch humanistische Geisteshaltung aus, die seine Musik so erstaunlich vital macht. Denn der Tod war den Menschen In diesen Zeiten allgegenwärtig. Komponisten, Musiker und Intellektuelle, die im Visier des stalinistischen Regimes waren, lebten unter ständiger Todesangst. 1944, kurz nach der Befreiung Leningrads von der Belagerung der Wehrmacht, standen die Menschen in Schostakowitschs Heimatort ohnehin in geistigen Trümmern. Hunger und Krankheit plagten die meisten, die dem Krieg mit dem Leben entkamen.

Es hatte sich in der russischen Kompositions-geschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts eine Tradition entwickelt, im Andenken eines Freundes, diesem ein Klaviertrio zu widmen. Dieser folgte auch Schostakowitsch mit diesem Trio, das die tiefe Verzweiflung und Trauer, über die Trennung von seinem Freund zum Ausdruck bringen sollte. So ist es eines der tragischsten Werke des Komponisten geworden.

Kompositorische Aspekte

Das Werk ist gegliedert in vier Sätze:

  1. Andante
  2. Allegro con brio
  3. Largo
  4. Allegretto

Obwohl die Sätze in Charakter und Tempo stark variieren, verliert das Werk den größeren Bogen nicht. Dies ist vor allem der Tatsache zu verdanken, dass Schostakowitsch den ersten Satz mit einer Fuge beginnt, die am Ende des vierten Satzes wiedererscheint. Grundsätzlich ist das Werk voll mit Themenverarbeitungen. So erscheinen in jedem Satz neue Themen, die im selben Satz wieder verarbeitet werden. Diese Fuge ist jedoch bezeichnend, denn sie wirkt wie eine Klammer um das ganze Werk herum.

Jeder Satz hat seinen eigenen einzigartigen Charakter. So ist der erste Satz von der Stimmung her, bis auf den Schluss, eher ruhig, aber auch sehr traurig. Der zweite Satz, ein Scherzo, ist schnell und tänzerisch, humorvoll unser sarkastisch. Der dritte Satz ist tragisch und der vierte Satz, der Längste, ist geradezu diabolisch und mit der Rückkehr zur Fuge am Schluss sehr traurig. Der letzte Satz ist der Reichhaltigste und Markanteste, dieses Werkes.

  1. Der erste Satz beginnt mit einer Fuge, genauer gesagt mit einer Exposition des Fugenthemas und einer Durchführung. Schostakowitsch hat seine Liebe zu Fugen auch in anderen Werken bewiesen, und dabei auch gezeigt, dass er sich nicht immer an die von Bach prägende Struktur hält. In dieser würde, nachdem Dux, der Comes folgen, und zwar um eine Quinte versetzt über dem Dux. Schostakowitsch wählt hier ein anderes Vorgehen: Sein Thema wird beim zweiten Stimmeinsatz (Violine) exakt um eine kleine Terz, diatonisch versetzt. Beim dritten Stimmeinsatz (Klavier) erscheint das Thema um eine Quint versetzt. Im Anschluss, also ab Ziffer 3, wird das Fugenthema durchgeführt, wobei der Komponist sehr frei mit dem Themenmaterial umgeht. So kommt die Fuge ohne Reprise des Themas vor Ziffer 6 zu ihrem Ende.

Ab Ziffer 6 folgt ein neuer Teil, in einem anderen Tempo: Moderato. Während die Fuge das ganze Werk in eine Klammer setzt, beginnt hier das eigentliche Thema des ersten Satzes. Gespielt vom Klavier, erscheint es als ein trauriges, einsames Thema – ein romantisches Thema, jedoch mit den, für Schostakowitsch typischen großen, und oft dissonanten, Sprüngen. Begleitet wird es durch die Streicher von repetierenden, kurzen Intervallen, die oft auch sehr dissonant sind und bei Schostakowitsch geradezu mechanisch wirken. Diese Art der Begleitung erscheint auch im Klavier ständig während diesem Werk.

Ein weiteres Thema wird bei Ziffer 14 eingeführt, in der linken Hand des Klaviers. Es wird dann im Trio kanonisch weiterverarbeitet, und wird in seiner Heiterkeit, schnell ins Groteske gezogen. Auch dieser Charakter ist typisch für Schostakowitsch.

In Ziffer 21 kommt es zur Reprise des Themas vom Moderato-teil (Ziffer 6). Das Themenmaterial vom heiteren Thema, also von Ziffer 14 wird im Anschluss auch wieder aufgegriffen, in einer „quasi“ Coda. Diese Coda beendet den Satz mit einer weiteren Reprise des Moderato-themas.

  • Der zweite Satz, ein Scherzo, steht im starken Kontrast zum Rest vom Werk. Sein Charakter ist tänzerisch, humorvoll, sarkastisch und sehr schnell – eigentlich sehr typisch für Schostakowitsch, denn viele seiner Werke kommen mit einer gewissen Ironie und Witz. Der Satz bleibt, mit Ausnahme von einem einzigen Takt, immer im ¾-Takt. Er ist geprägt vom Hauptthema, das am Anfang von den Streichern gespielt wird – erst von der Violine und im Anschluss von Cello. Dieses Thema wird bei Ziffer 49 vom Klavier aufgegriffen und führt im Anschluss in eine solistische Klavierstelle, die durchaus technisch anspruchsvoll ist. Bei Ziffer 52 erscheint im Klavier die, für Schostakowitsch typische Chromatik und Repetition auf dissonanten Intervallen.

Zwischenzeitlich erinnert der Satz an slawische Volksmusik, was Schostakowitschs Liebe zu slawischen Tänzen widerspielgelt (Ziffer 45).

  • Der dritte Satz ist mit Abstand der Kürzeste und in seinem Konzept einzigartig. Harmonisch basiert er auf einer Folge von acht Akkorden, Drei- und Vierklängen, die zwar nicht so recht in die Diatonik von B-Moll passen, aber in ihren Beziehungen zueinander klassischen Tonsatzregeln folgen. Diese Akkordfolge wird während des ganzen Satzes im Klavier als Ostinato gespielt. Die Streicher übernehmen die melodische Führung mit sehr tragischen Themen, die, fast wie in einem Kanon, hin und her gereicht werden. So führt immer eine Stimme, bis auf die Forte-stelle vier Take nach Ziffer 60. Hier kommen die Streicher zusammen zu einem atemberaubenden, tragischen Klageruf, in Terzen. Diese Stelle markiert auch exakt die Mitte des Satzes und dessen emotionaler Höhepunkt. Ab dort sinkt die Spannung langsam bis zum Satzende. Der Schluss ist auch sehr interessant, da Schostakowitsch den Satz in H-lokrisch endet. Quasi einer Dominante zum letzten Satz, der in E-Dur erscheint.
  • Der letzte Satz dieses Klaviertrios ist mit Abstand der Längste und der Reichhaltigste. Es passiert sehr viel Verschiedenes und unterschiedliche Stimmungen folgen dicht aufeinander, beziehungsweise, sind eng miteinander verwoben. Trotzdem gibt es einen klaren roten Faden, durch die Verarbeitung von Themen. Im Grunde genommen sind es zwei Themen, wenn man sie als abstraktes, motivisches Material betrachtet. Das erste ist das, gleich am Anfang des Satzes gespielt, von den Streichern im pizzicato. Man könnte meinen, ein zweites Thema erscheine nach Ziffer 66 im Klavier, so erklingt es auf jeden Fall auch, aber meiner Ansicht nach ist auch dieses Thema ein Fortspinnen von dem vorherigen Themenmaterial. Das zweite Thema erscheint bei Ziffer 71 im 5/4 Takt und mit einem halb-verminderten Akkord + b9 in der Klavierbegleitung. Während das erste Thema etwas militärisch klingt und auch sehr sarkastisch, mit den sehr dissonanten Sprüngen in der Mitte, erklingt das zweite Thema viel dramatischer und expressiver. Der ganze Satz, bis Ziffer 91 ist im Grunde ein Fortspinnen und eine Verarbeitung dieser zwei Themen, wobei Schostakowitschs Ideen nie ausgehen. Denn der Satz ist bis hierhin in Stimmung und Atmosphäre, sehr abwechslungsreich: Von sehr gruseligem, vorwärts marschierendem Charakter, wie bei Ziffer 75, bis zu grotesk frei-tonalem Charakter, wie in Ziffer 81. Ab Ziffer 84 erklingt ein sehr kriegerisches, militärisches Thema, das auch wiederrum aus denselben Elementen des ersten Themas, am Anfang des Satzes besteht, und führt in den quasi emotionalen Höhepunkt des gesamten Werkes. Aus der militärischen Gewalt, dieses ersten Themen-materiales wird bei Ziffer 86 die Dramatik des zweiten Themen-materials wieder eingeführt und erklingt wie ein großer, tragischer Klageruf. Bei Ziffer 89 hören wir noch einmal einen slawischen, tänzerischen Charakter, bevor in Ziffer 91 eine wichtige Rückbesinnung passiert: Bei Ziffer 92 nämlich, erscheint wieder die Fuge vom Anfang des ersten Satzes. Dieses Mal anders orchestriert, mit virtuosen, klanglichen Ausschweifungen in der rechten Hand des Pianisten. Bei Ziffer 91, einer kleinen Kadenz virtuosen, pianistischen Charakters, wird die Akkordfolge aus dem dritten Satz wieder zitiert. Die Fuge, trotz ihrer klanglichen Erweiterungen, ist in ihrer Grundstruktur exakt dieselbe, wie am Anfang des ersten Satzes. Sie endet bei Ziffer 99 und führt in die Reprise des ersten Themenmaterials.

Schostakowitsch verliert nie den Bezug zu seinen Themen und zur Form. Dadurch verliert das Stück auch nie seinen Bezug zum roten Faden und spannt immer schöne Bögen vom Anfang bis zum Ende. Daher ist es erstaunlich wie vielseitig das Werk klingt, da dem Komponisten die Ideen schier endlos zu sein scheinen.

Das ganze Werk ist somit sehr reichhaltig und von verschiedenen Stimmungen geprägt. Dennoch ist es ein sehr trauriges Stück, das die Schwere und Tragik der Endkriegszeit mit sich trägt.

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